Eine bewegte Zeit
Es ist schon einige Zeit her, dass ich etwas hab von mir hören lassen. Eine erlebnis- und ereignisreiche Zeit liegt hinter mir. Wie schon angekündigt, bin ich in den letzten Wochen gereist, so dass ich etwa einen Monat gar nicht in São Luís gewesen bin. Im Centro Beneficente waren Ferien, bzw. lief das Programm nur auf Sparflamme, so dass ich dort auch nichts Wesentliches verpasst habe.
Mit dem, was seit dem letzten Rundbrief alles passiert, liesse sich ein Buch füllen. Doch ich will mich auf 4 Dinge konzentrieren, die mich in dieser Zeit sehr bewegt haben.
„Vozes da paz“
Der erste Auftritt meines Kinderchores bei unserer Weihnachtsfeier am 19. Dezember war ein voller Erfolg. Wir haben extra T-Shirts für den Chor anfertigen lassen, auf denen nun gross dessen Name „Vozes da paz“ (Stimmen des Friedens) prangt. Die Kinder waren stolz wie Oskar, sowas von diszipliniert (jedenfalls auf der Bühne) und haben echt gut gesungen (wenn`s auch noch etwas unrein war), so dass ich mich auch ein wenig wie Oskar fühlte. Wir haben ein kleines Programm mit vier Liedern und erklärenden bzw. besinnlichen Zwischentexten präsentiert.

Mit Weihnachten begannen dann die Ferien, so dass ich erst in der kommenden Woche wieder mit dem Proben anfangen werde. Ich habe vor, mit den Kindern Lieder für die Messe einzustudieren, um dann mit ihnen in den Kapellengemeinden, in denen sie wohnen, Gottesdienste mitzugestalten.
Was mir Bauchschmerzen bereitet, ist, dass viele der Chorkinder sich bis heute noch nicht für die Teilnahme am Programm des Centro im beginnenden Schujahr angemeldet haben, d.h. dass es noch unsicher ist, ob sie denn wiederkommen. Möglich ist, dass die Eltern/Verantwortlichen die Anmeldung einfach nur verpennt haben. Auch weiss ich von einigen der grösseren Mädchen, dass sie ab diesem Monat nachmittags Schulunterricht haben, so dass sie zu den Probenzeiten nicht mehr kommen können. Es ist also noch unsicher, wie alles wird.
Eines dieser Mädchen hab ich letztens gesprochen und sie sagte mir, dass sie ihre Mutter bitten wollte, sie zu den Probenzeiten des Chores vom Schulunterricht zu befreien. Ich weiss zwar nicht, ob das möglich ist, aber es hat mir gezeigt, wieviel den Kindern offenbar der Chor wert ist und was sie bereit sind, dafür zu bewegen.
Im neuen Schuljahr, das nun beginnt, wird es also einiges an Veränderungen im Centro und auch für meine Arbeit dort geben, die ich mir nicht so gravierend vorgestellt habe. Die Fluktuation der Kinder ist wohl grösser als ich dachte.
Natal

Über Neujahr bin ich 10 Tage nach Natal gefahren und habe dort meine Freunde besucht, die ich dort vor Jahren kennengelernt habe und die zum Weltjugendtag 2005 in Heiligenstadt zu Gast waren. Ausserdem habe ich die aus meinem Heimatdorf Hünningen stammende Katechetin Änne Lenze (Dona Anna) besucht. Also ein Wiedersehen mit alten, sehr guten Freunden, eine reiche, intensive Zeit mit schönen Begegnungen und guten Gesprächen.

Einer meiner Freunde, Tony, hat sich ein kleines Haus gekauft. Natal ist, wie die meisten der brasilianischen Grossstädte, eine unwahrscheinlich schnell und dynamisch wachsende Stadt. Um den immensen Wohnraumbedarf zu befriedigen, lässt die Stadtverwaltung Siedlungen am Rande der Stadt bauen. Tony hat sich um ein Haus in solch einer Siedlung beworben. Welches Haus er dann konkret in der Siedlung kaufen konnte, wurde ausgelost. Er hat Glück gehabt, denn es gab mehr Bewerber als Häuser.
Solch eine Siedlung kann aus 500 Häusern bestehen, die nach Fertigstellung alle komplett identisch aussehen – innen wie aussen. (Wer den Film „Cidade de Deus“ (City of God) kennt, kann zu Beginn eine solche Siedlung sehen.)

Haben die Häuser einen Besitzer, ist es mit der eintönigen Gleichförmigkeit schnell vorbei. Da werden hier Gitter vor die Fenster montiert, dort wird die Aussenwand farbig gestrichen und wieder woanders eine Mauer mit gefliester Toreinfahrt hochgezogen. Einige Zeit später kommen dann die ersten Erweiterungsbauten – nach hinten, zur Seite oder nach oben – hinzu, und irgendwann ist gar nicht mehr zu erkennen, dass die Häuser mal alle gleich aussahen. (Diese Entwicklung ist auch sehr schön in „Cidade de Deus“ zu beobachten.) Während in Deutschland für die Ewigkeit gebaut wird, sind die Brasilianer da viel flexibler, vorübergehender; vielleicht auch weniger im Haus heimisch.
Meines Freundes Tony erster Akt als Hausbesitzer war es, Bäume zu Pflanzen. Ich habe ihm geholfen, eine Mauer um das Grundstück zu bauen. „Wenn Du das nächste Mal kommst, lad ich dich hierhin ein“, sagt er.

Und dann sagt er noch etwas, was mich sehr beeindruckt: „Bald werde ich hier damit anfangen, Firmkatechese zu halten.“ Mein Freund Tony, der schon viele Jahre in Pfarrei und Diözese Jugendarbeit und Sakramentenvorbereitung macht, denkt schon jetzt darüber nach, wie Kirche in diesem neuen Stadtviertel die Menschen erreichen kann, hat schon jetzt einen Traum, wie Gemeinde aufgebaut werden kann. „Wir werden dann ein Grundstück suchen, um eine Kirche zu bauen.“ Ja, Kirche muss von Anfang an Präsenz zeigen, da, wo die Menschen wohnen, Gemeinde muss einen Ort haben, um sich versammeln zu können. (Die Sekten sind mit soetwas immer sehr schnell.)
Für Tony sind das normale Leben und das Mitbauen am Reich Gottes nicht zwei getrennte Bereiche, sondern das eine durchwirkt und prägt das andere. Hier in Brasilien habe ich schon viele Menschen kennengelernt, die so überzeugt und stark ihren Glauben leben.
Salvador
Von Natal aus reise ich im Januar nach Salvaor de Bahia und nehme dort mit 27 weiteren deutschen Freiwilligen, die, von verschiedenen Organisationen entsandt, einen Dienst in Brasilien leisten, an einem Begleitseminar der AGEH teil. Eine Woche intensiver Austausch, Reflexion, Perspektiventwicklung, Arbeit an uns selbst. Und das alles vor der grandiosen Kulisse eines paradiesischen Strandes. Es tut mir sehr gut und es ist unwahrscheinlich wichtig, dass es für Freiwillige im Ausland solch eine Möglichkeit der Begleitung gibt.
Nach dem Seminar bleibe ich mit Michael, einem anderen Missionar auf Zeit der Franziskaner, der in Teresina arbeitet, noch eine Woche in Salvador, um die Stadt näher kennenzulernen. Und diese Stadt hat Stil, hat Atmosphäre, hat eine herrliche Lage, hat wunderschöne Ecken zu bieten. Die kräftigen Farben, die Proben der „blocos“, der Trommel- und Musikgruppen, die baianischen Spezialitäten... Ich geniesse mit allen Sinnen.
Eine Strasse weiter abseits der Touristenströme ist man schon nur unter Brasilianern in ihrem Alltag. Und unter den dekorativen Fassaden der prächtigen Paläste der Oberstadt hängen in der Steilwand armselige Hütten. Ich habe noch in keiner anderen Stadt so viele Menschen betteln sehen.

Eine Woche also als Tourist – eine Rolle, in der ich mich nicht die ganze Zeit über wohlfühle.
Praia do forte. Einen Tag fahren wir in dieses gänzlich für den Tourismus hergerichtete Städtchen, um Zeit am Strand zu verbringen. Am späten Nachmittag fällt ein Rudel Strassenkinder in den Ort ein. Ich denke jedenfalls, dass es Strassenkinder sind. Alle sind – ähnlich den hier zu Karneval üblichen fofão-Kostümen – mit gruseligen Masken vermummt, tragen flatternde Umhänge, aus schwarzen Müllsäcken oder Planen geschnitten, einige haben lange Palmwedel daran gebunden, andere tragen klingende Glocken. Sie betteln. Wohl keiner ist über 11 Jahre alt, der Jüngste vielleicht 5 oder 6.
Eine Touristenfamilie will ein Foto von ihren Kindern und einer dieser vermummten Gestalten machen. Zunächst läuft der Kleine zu einem anderen, einem Grösseren, einem Erfahrenen, vielleicht dem Rudelführer, und fragt, ob das in Ordnung gehe. Als er die Zustimmung hat, lässt er sich mit ablichten. Als er um Geld bettelt, geht die Familie weg.
Ein anderer heitert das kleine Kind einer Familie auf, kniet sich vor ihm in den Staub der Strasse, macht Mätzchen, albert nur so aus Spass mit ihm herum. Zwischen den ganzen Reichen und Schönen, die hier rumlaufen, wirkt er auf eine Art unwahrscheinlich frei.
Einer der Jungs kommt auf mich zu, bittet um Geld. „Ich kann dein Gesicht nicht sehen“, sag ich. Eine kurze Bewegung und zwei dunkle Augen lächeln mich an. „Wie heisst du?“ Ich gebe das erste Mal einem Strassenkind Geld.
Mag sein, dass an der Bushaltestelle ein Erwachsener wartet, bei dem sie den Erlös des Tages abzuliefern haben und der damit seine Drogengeschäfte finanziert; mag sein, dass die Kinder das Geld nach Hause zu ihren Familien tragen; mag sein, dass sie es zum Überleben ihres Rudels unter den Brücken Salvadors brauchen. Ich möchte mehr über ihre Geschichte, ihre Lebenssituation erfahren, ich möchte durch das, was ich tue, ihnen Würde und Anerkennung schenken... Das nächste Mal mache ich es anders...nehme ich mir mehr Zeit...
Matinha
Karnevalswoche. Matinha, eine Kleinstadt im Interior von Maranhão, d.h. auf dem Land. Ich bin dort mit Anne, der anderen MaZlerin aus São Luís, und Jane und Wilson, einer befreundeten Familie. Wir verbringen bei deren Verwandten die Karnevalstage. Etwa 20 Leute, Cousins und Cousinen mit Anhang haben sich dort eingefunden und teilen 6 Tage lang miteinander den beengten Raum in 2 kleinen Häusern. Die meisten von ihnen hab ich noch nie gesehen, doch werde ich sofort wie einer von ihnen herzlich aufgenommen, wie ein weiteres Familienmitglied, ein weiterer Cousin, nur aus Deutschland halt.

Es ist sofort selbstverständlich, dass ich ein und aus gehe, dass ich mich am Kühlschrank bedienen kann, dass ich eine Hängematte mit Laken zum Schlafen bekomme.
Alles ist einfach, alles ist unkompliziert: 5 Leute schlafen in einem Raum, in Hängematten, auf dem Sofa, auf dem Boden. Wenn kein Wassertag ist und der Tank der Dusche hinterm Haus leer ist, dann nimmt man den Eimer mit Wasser aus der Zisterne. Beim Essen wird niemand vergessen; wenn die Stühle nicht reichen, isst man im Stehen oder auf dem Boden sitzend.

Immer ist jemand da, mit dem man quatschen kann, zu dem man sich gesellen kann. Immer ist jemand da, der einen einlädt dazuzukommen, mitzukommen. Privatsphäre scheint hier ein Fremdwort, scheint hier niemand zu brauchen.
Der Laden von Janes Eltern hat geöffnet, bedient die Kunden, auch wenn geschlossen ist, und Janes Mutter näht und kocht den ganzen Tag. Alle tun immer irgendwas, beschäftigen sich, aber irgendwie auch wieder nicht so richtig. Auf „deutsch“ gesagt: Es kommt nichts Produktives bei rum, ein Ziel ist nicht erkennbar. Doch ist das gerade wichtig?

Jeden Abend geht es zusammen aufs Fest auf den Platz in der Stadtmitte, es spielen Bands, es gibt Umzüge der verschiedenen „blocos“ (Karnevalsgruppen). Auch hier ist man nie allein, immer hat jemand aus der Familie ein sorgendes Auge auf einen, wird Essen und Trinken miteinander geteilt, niemand muss im Dunkeln allein nach Hause gehen.
Ich bin mittendrin und fühle mich sauwohl. Die Offenheit, Herzlichkeit und Aufrichtigkeit der Menschen hier tut mir gut. Hier erlebe ich vieles, was ich in meinem Zuhause in São Luís einfach vermisse.
Und dann nimmt Wilson mich einen Nachmittag mit zum Haus der Grosseltern von Jane, ausserhalb der Stadt. Die Regenzeit hat das Land verwandelt: Dort, wo zur Trockenzeit alles in tristem, dürr staubigem Braun vor sich hindürstet, spriesst jetzt in aller Üppigkeit ein fettes, saftiges Grün. Vor uns breitet sich eine scheinbar endlos weite grüne Ebene aus, durchsetzt von Senken, die mit warmem, kristallklarem Wasser gefüllt sind; grosse Viehherden weiden auf ihr. Der Lago de Viana ist ein periodischer See, der in der Regenzeit die ganze Ebene mit Wasser füllt und im hiesigen Winter austrocknet.

Wir lassen das Motorrad stehen und gehen barfuss über die Grasebene, waten durch die Wassergräben unter prallendheisser Sonne bis zur Insel, auf der Wilsons Schwiegereltern wohnen. Auch hier: Alles einfachst, alles herzlichst. Es werden Neuigkeiten ausgetauscht. Ich soll erzählen. Der Alte Herr zeigt mir stolz den Garten, in dem er Mais anpflanzt. Die Menschen leben vom Fischfang, vom Gemüseanbau, von der Rinderaufzucht; mit Sicherheit arm, aber – wie sie sagen – besser als die Armen in der Stadt.

Hier scheint es keine Zeit zu geben. Für die Kinder scheint es das Paradies zu sein, das Strahlen des weiten Himmels spiegelt sich in ihren Augen wider. Doch was wird sein, wenn sie arbeiten, Geld verdienen müssen? Die Grossstadt lockt.
Der Abschied von Matinha am Mittwoch fällt mir schwer; ein Stück meines Herzens bleibt hier. Als ich in die – wie es mir scheint – Grabeseinsamkeit meines Zuhauses in São Luís komme, will ich niemand sehen.
Was bleibt, sind Erinnerungen: an eine nächtliche Fahrt zu dritt samt Koffer auf einem Motorrad über eine vom Regen aufgeweichte Schlammpiste; an Janes Mutter, die innerhalb eines Tages an der Nähmaschine aus Karnevals-Trikots für alle Mädels modische Tops zaubert, jedes ein Unikat; an Paulinho, der mit dem Auto absichtlich und vorsätzlich ein Schwein anfährt, das gerade über die Strasse läuft, „um es zum Essen mit nach Hause zu nehmen“. (Das Schwein konnte entkommen.)
Schlussteil
Im April wollen mich meine Eltern hier besuchen kommen, was mich besonders freut, da sie dann ein Stück von meinem Leben hier hautnah kennenlernen können.
Doch zunächst einmal freu ich mich darauf, wenn Montag – hoffentlich – wieder der Alltag mit Arbeit und Aufgaben losgeht.
Mit dem, was seit dem letzten Rundbrief alles passiert, liesse sich ein Buch füllen. Doch ich will mich auf 4 Dinge konzentrieren, die mich in dieser Zeit sehr bewegt haben.
„Vozes da paz“
Der erste Auftritt meines Kinderchores bei unserer Weihnachtsfeier am 19. Dezember war ein voller Erfolg. Wir haben extra T-Shirts für den Chor anfertigen lassen, auf denen nun gross dessen Name „Vozes da paz“ (Stimmen des Friedens) prangt. Die Kinder waren stolz wie Oskar, sowas von diszipliniert (jedenfalls auf der Bühne) und haben echt gut gesungen (wenn`s auch noch etwas unrein war), so dass ich mich auch ein wenig wie Oskar fühlte. Wir haben ein kleines Programm mit vier Liedern und erklärenden bzw. besinnlichen Zwischentexten präsentiert.

Mit Weihnachten begannen dann die Ferien, so dass ich erst in der kommenden Woche wieder mit dem Proben anfangen werde. Ich habe vor, mit den Kindern Lieder für die Messe einzustudieren, um dann mit ihnen in den Kapellengemeinden, in denen sie wohnen, Gottesdienste mitzugestalten.
Was mir Bauchschmerzen bereitet, ist, dass viele der Chorkinder sich bis heute noch nicht für die Teilnahme am Programm des Centro im beginnenden Schujahr angemeldet haben, d.h. dass es noch unsicher ist, ob sie denn wiederkommen. Möglich ist, dass die Eltern/Verantwortlichen die Anmeldung einfach nur verpennt haben. Auch weiss ich von einigen der grösseren Mädchen, dass sie ab diesem Monat nachmittags Schulunterricht haben, so dass sie zu den Probenzeiten nicht mehr kommen können. Es ist also noch unsicher, wie alles wird.
Eines dieser Mädchen hab ich letztens gesprochen und sie sagte mir, dass sie ihre Mutter bitten wollte, sie zu den Probenzeiten des Chores vom Schulunterricht zu befreien. Ich weiss zwar nicht, ob das möglich ist, aber es hat mir gezeigt, wieviel den Kindern offenbar der Chor wert ist und was sie bereit sind, dafür zu bewegen.
Im neuen Schuljahr, das nun beginnt, wird es also einiges an Veränderungen im Centro und auch für meine Arbeit dort geben, die ich mir nicht so gravierend vorgestellt habe. Die Fluktuation der Kinder ist wohl grösser als ich dachte.
Natal

Über Neujahr bin ich 10 Tage nach Natal gefahren und habe dort meine Freunde besucht, die ich dort vor Jahren kennengelernt habe und die zum Weltjugendtag 2005 in Heiligenstadt zu Gast waren. Ausserdem habe ich die aus meinem Heimatdorf Hünningen stammende Katechetin Änne Lenze (Dona Anna) besucht. Also ein Wiedersehen mit alten, sehr guten Freunden, eine reiche, intensive Zeit mit schönen Begegnungen und guten Gesprächen.

Einer meiner Freunde, Tony, hat sich ein kleines Haus gekauft. Natal ist, wie die meisten der brasilianischen Grossstädte, eine unwahrscheinlich schnell und dynamisch wachsende Stadt. Um den immensen Wohnraumbedarf zu befriedigen, lässt die Stadtverwaltung Siedlungen am Rande der Stadt bauen. Tony hat sich um ein Haus in solch einer Siedlung beworben. Welches Haus er dann konkret in der Siedlung kaufen konnte, wurde ausgelost. Er hat Glück gehabt, denn es gab mehr Bewerber als Häuser.
Solch eine Siedlung kann aus 500 Häusern bestehen, die nach Fertigstellung alle komplett identisch aussehen – innen wie aussen. (Wer den Film „Cidade de Deus“ (City of God) kennt, kann zu Beginn eine solche Siedlung sehen.)

Haben die Häuser einen Besitzer, ist es mit der eintönigen Gleichförmigkeit schnell vorbei. Da werden hier Gitter vor die Fenster montiert, dort wird die Aussenwand farbig gestrichen und wieder woanders eine Mauer mit gefliester Toreinfahrt hochgezogen. Einige Zeit später kommen dann die ersten Erweiterungsbauten – nach hinten, zur Seite oder nach oben – hinzu, und irgendwann ist gar nicht mehr zu erkennen, dass die Häuser mal alle gleich aussahen. (Diese Entwicklung ist auch sehr schön in „Cidade de Deus“ zu beobachten.) Während in Deutschland für die Ewigkeit gebaut wird, sind die Brasilianer da viel flexibler, vorübergehender; vielleicht auch weniger im Haus heimisch.
Meines Freundes Tony erster Akt als Hausbesitzer war es, Bäume zu Pflanzen. Ich habe ihm geholfen, eine Mauer um das Grundstück zu bauen. „Wenn Du das nächste Mal kommst, lad ich dich hierhin ein“, sagt er.

Und dann sagt er noch etwas, was mich sehr beeindruckt: „Bald werde ich hier damit anfangen, Firmkatechese zu halten.“ Mein Freund Tony, der schon viele Jahre in Pfarrei und Diözese Jugendarbeit und Sakramentenvorbereitung macht, denkt schon jetzt darüber nach, wie Kirche in diesem neuen Stadtviertel die Menschen erreichen kann, hat schon jetzt einen Traum, wie Gemeinde aufgebaut werden kann. „Wir werden dann ein Grundstück suchen, um eine Kirche zu bauen.“ Ja, Kirche muss von Anfang an Präsenz zeigen, da, wo die Menschen wohnen, Gemeinde muss einen Ort haben, um sich versammeln zu können. (Die Sekten sind mit soetwas immer sehr schnell.)
Für Tony sind das normale Leben und das Mitbauen am Reich Gottes nicht zwei getrennte Bereiche, sondern das eine durchwirkt und prägt das andere. Hier in Brasilien habe ich schon viele Menschen kennengelernt, die so überzeugt und stark ihren Glauben leben.
Salvador
Von Natal aus reise ich im Januar nach Salvaor de Bahia und nehme dort mit 27 weiteren deutschen Freiwilligen, die, von verschiedenen Organisationen entsandt, einen Dienst in Brasilien leisten, an einem Begleitseminar der AGEH teil. Eine Woche intensiver Austausch, Reflexion, Perspektiventwicklung, Arbeit an uns selbst. Und das alles vor der grandiosen Kulisse eines paradiesischen Strandes. Es tut mir sehr gut und es ist unwahrscheinlich wichtig, dass es für Freiwillige im Ausland solch eine Möglichkeit der Begleitung gibt.
Nach dem Seminar bleibe ich mit Michael, einem anderen Missionar auf Zeit der Franziskaner, der in Teresina arbeitet, noch eine Woche in Salvador, um die Stadt näher kennenzulernen. Und diese Stadt hat Stil, hat Atmosphäre, hat eine herrliche Lage, hat wunderschöne Ecken zu bieten. Die kräftigen Farben, die Proben der „blocos“, der Trommel- und Musikgruppen, die baianischen Spezialitäten... Ich geniesse mit allen Sinnen.
Eine Strasse weiter abseits der Touristenströme ist man schon nur unter Brasilianern in ihrem Alltag. Und unter den dekorativen Fassaden der prächtigen Paläste der Oberstadt hängen in der Steilwand armselige Hütten. Ich habe noch in keiner anderen Stadt so viele Menschen betteln sehen.

Eine Woche also als Tourist – eine Rolle, in der ich mich nicht die ganze Zeit über wohlfühle.
Praia do forte. Einen Tag fahren wir in dieses gänzlich für den Tourismus hergerichtete Städtchen, um Zeit am Strand zu verbringen. Am späten Nachmittag fällt ein Rudel Strassenkinder in den Ort ein. Ich denke jedenfalls, dass es Strassenkinder sind. Alle sind – ähnlich den hier zu Karneval üblichen fofão-Kostümen – mit gruseligen Masken vermummt, tragen flatternde Umhänge, aus schwarzen Müllsäcken oder Planen geschnitten, einige haben lange Palmwedel daran gebunden, andere tragen klingende Glocken. Sie betteln. Wohl keiner ist über 11 Jahre alt, der Jüngste vielleicht 5 oder 6.
Eine Touristenfamilie will ein Foto von ihren Kindern und einer dieser vermummten Gestalten machen. Zunächst läuft der Kleine zu einem anderen, einem Grösseren, einem Erfahrenen, vielleicht dem Rudelführer, und fragt, ob das in Ordnung gehe. Als er die Zustimmung hat, lässt er sich mit ablichten. Als er um Geld bettelt, geht die Familie weg.
Ein anderer heitert das kleine Kind einer Familie auf, kniet sich vor ihm in den Staub der Strasse, macht Mätzchen, albert nur so aus Spass mit ihm herum. Zwischen den ganzen Reichen und Schönen, die hier rumlaufen, wirkt er auf eine Art unwahrscheinlich frei.
Einer der Jungs kommt auf mich zu, bittet um Geld. „Ich kann dein Gesicht nicht sehen“, sag ich. Eine kurze Bewegung und zwei dunkle Augen lächeln mich an. „Wie heisst du?“ Ich gebe das erste Mal einem Strassenkind Geld.
Mag sein, dass an der Bushaltestelle ein Erwachsener wartet, bei dem sie den Erlös des Tages abzuliefern haben und der damit seine Drogengeschäfte finanziert; mag sein, dass die Kinder das Geld nach Hause zu ihren Familien tragen; mag sein, dass sie es zum Überleben ihres Rudels unter den Brücken Salvadors brauchen. Ich möchte mehr über ihre Geschichte, ihre Lebenssituation erfahren, ich möchte durch das, was ich tue, ihnen Würde und Anerkennung schenken... Das nächste Mal mache ich es anders...nehme ich mir mehr Zeit...
Matinha
Karnevalswoche. Matinha, eine Kleinstadt im Interior von Maranhão, d.h. auf dem Land. Ich bin dort mit Anne, der anderen MaZlerin aus São Luís, und Jane und Wilson, einer befreundeten Familie. Wir verbringen bei deren Verwandten die Karnevalstage. Etwa 20 Leute, Cousins und Cousinen mit Anhang haben sich dort eingefunden und teilen 6 Tage lang miteinander den beengten Raum in 2 kleinen Häusern. Die meisten von ihnen hab ich noch nie gesehen, doch werde ich sofort wie einer von ihnen herzlich aufgenommen, wie ein weiteres Familienmitglied, ein weiterer Cousin, nur aus Deutschland halt.

Es ist sofort selbstverständlich, dass ich ein und aus gehe, dass ich mich am Kühlschrank bedienen kann, dass ich eine Hängematte mit Laken zum Schlafen bekomme.
Alles ist einfach, alles ist unkompliziert: 5 Leute schlafen in einem Raum, in Hängematten, auf dem Sofa, auf dem Boden. Wenn kein Wassertag ist und der Tank der Dusche hinterm Haus leer ist, dann nimmt man den Eimer mit Wasser aus der Zisterne. Beim Essen wird niemand vergessen; wenn die Stühle nicht reichen, isst man im Stehen oder auf dem Boden sitzend.

Immer ist jemand da, mit dem man quatschen kann, zu dem man sich gesellen kann. Immer ist jemand da, der einen einlädt dazuzukommen, mitzukommen. Privatsphäre scheint hier ein Fremdwort, scheint hier niemand zu brauchen.
Der Laden von Janes Eltern hat geöffnet, bedient die Kunden, auch wenn geschlossen ist, und Janes Mutter näht und kocht den ganzen Tag. Alle tun immer irgendwas, beschäftigen sich, aber irgendwie auch wieder nicht so richtig. Auf „deutsch“ gesagt: Es kommt nichts Produktives bei rum, ein Ziel ist nicht erkennbar. Doch ist das gerade wichtig?

Jeden Abend geht es zusammen aufs Fest auf den Platz in der Stadtmitte, es spielen Bands, es gibt Umzüge der verschiedenen „blocos“ (Karnevalsgruppen). Auch hier ist man nie allein, immer hat jemand aus der Familie ein sorgendes Auge auf einen, wird Essen und Trinken miteinander geteilt, niemand muss im Dunkeln allein nach Hause gehen.
Ich bin mittendrin und fühle mich sauwohl. Die Offenheit, Herzlichkeit und Aufrichtigkeit der Menschen hier tut mir gut. Hier erlebe ich vieles, was ich in meinem Zuhause in São Luís einfach vermisse.
Und dann nimmt Wilson mich einen Nachmittag mit zum Haus der Grosseltern von Jane, ausserhalb der Stadt. Die Regenzeit hat das Land verwandelt: Dort, wo zur Trockenzeit alles in tristem, dürr staubigem Braun vor sich hindürstet, spriesst jetzt in aller Üppigkeit ein fettes, saftiges Grün. Vor uns breitet sich eine scheinbar endlos weite grüne Ebene aus, durchsetzt von Senken, die mit warmem, kristallklarem Wasser gefüllt sind; grosse Viehherden weiden auf ihr. Der Lago de Viana ist ein periodischer See, der in der Regenzeit die ganze Ebene mit Wasser füllt und im hiesigen Winter austrocknet.

Wir lassen das Motorrad stehen und gehen barfuss über die Grasebene, waten durch die Wassergräben unter prallendheisser Sonne bis zur Insel, auf der Wilsons Schwiegereltern wohnen. Auch hier: Alles einfachst, alles herzlichst. Es werden Neuigkeiten ausgetauscht. Ich soll erzählen. Der Alte Herr zeigt mir stolz den Garten, in dem er Mais anpflanzt. Die Menschen leben vom Fischfang, vom Gemüseanbau, von der Rinderaufzucht; mit Sicherheit arm, aber – wie sie sagen – besser als die Armen in der Stadt.

Hier scheint es keine Zeit zu geben. Für die Kinder scheint es das Paradies zu sein, das Strahlen des weiten Himmels spiegelt sich in ihren Augen wider. Doch was wird sein, wenn sie arbeiten, Geld verdienen müssen? Die Grossstadt lockt.
Der Abschied von Matinha am Mittwoch fällt mir schwer; ein Stück meines Herzens bleibt hier. Als ich in die – wie es mir scheint – Grabeseinsamkeit meines Zuhauses in São Luís komme, will ich niemand sehen.
Was bleibt, sind Erinnerungen: an eine nächtliche Fahrt zu dritt samt Koffer auf einem Motorrad über eine vom Regen aufgeweichte Schlammpiste; an Janes Mutter, die innerhalb eines Tages an der Nähmaschine aus Karnevals-Trikots für alle Mädels modische Tops zaubert, jedes ein Unikat; an Paulinho, der mit dem Auto absichtlich und vorsätzlich ein Schwein anfährt, das gerade über die Strasse läuft, „um es zum Essen mit nach Hause zu nehmen“. (Das Schwein konnte entkommen.)
Schlussteil
Im April wollen mich meine Eltern hier besuchen kommen, was mich besonders freut, da sie dann ein Stück von meinem Leben hier hautnah kennenlernen können.
Doch zunächst einmal freu ich mich darauf, wenn Montag – hoffentlich – wieder der Alltag mit Arbeit und Aufgaben losgeht.
stelabrasil - 12. Feb, 02:41
