Halbzeit

Über 6 Monate bin ich bereits als Missionar auf Zeit hier in São Luís. Zeit, eine kleine, Zwischenbilanz zu versuchen:
Die Sprache zu lernen, im Sprechen und Verstehen Fortschritte zu sehen und voranzukommen, bereitet mir grössere Schwierigkeiten als gedacht. Vielleicht hab ich auch einfach zu viel von mir erwartet. Viele sagen mir: „Du sprichst sehr gut, du verstehst alles.“ Ich selbst bin noch nicht zufrieden.
Vieles, was in Deutschlands gewohntem Umfeld ohne grosse Probleme klappt, muss(te) ich hier von 0 an neu aufbauen, entwickeln: Mich mitteilen, mich ausdrücken, Schwierigkeiten bewältigen, mir Respekt verschaffen... Ich stosse manches Mal an meine Grenzen.
Ich habe hier in São Luís ein Stück Zuhause, eine „Familie“ gefunden; weniger bei meinen Gastgebern, bei denen ich wohne, sondern eher in unserem Projekt. Menschen, die mich mögen, mich respektieren, mit denen ich lachen, feiern und Spass haben, aber auch klagen, mich ärgern und trauern kann. Menschen, mit denen ich ein Stück Weges gehen kann.

Für Menschen, die mich neu kennenlernen, bin ich als Ausländer immer noch der Exot. Und den begafft man, redet über ihn, während er daneben steht, den fragt man, ob er denn Englisch könne und der soll „mal irgendwas auf deutsch sagen“. Nicht immer verlaufen solche Begegnungen so negativ, aber vieles ist irgendwann nur noch nervig.
Noch nie hab ich so vieles „Deutsches“ so liebgehabt wie hier, fern der Heimat, insbesondere die Möglichkeiten, Schönheiten und Feinheiten der deutschen Sprache und Musik. Manchmal in mir der aufkeimende, unterschwellige Wunsch: „Wenn es doch hier so laufen würde wie in Deutschland...“ Ich muss immer wieder neu die Andersartigkeit der Kultur, des Lebens, der Realität hier annehmen und v.a. zwei Dinge lernen: Demut und Geduld.
Auch wenn mir einiges im täglichen Leben auf die Nerven geht (der Müll, der achtlos aus den Fenstern geworfen wird, der ständige Lärm, das im Strassenverkehr herrschende unbarmherzige „Recht des Stärkeren“) und vieles im Land vor Unrecht zum Himmel schreit (die Straflosigkeit, mit der die Mächtigen und Reichen nach ihren Verbrechen davonkommen; die Armut, die u.a. aufgrund eines schlechten Bildungssystems immer weitervererbt wird; das vielerorts vorherrschende Klima der Gewalt, das Angst und Misstrauen, Voyeurismus und viel zu viele Opfer hervorbringt): Meine Faszination für dieses Land und die Menschen hier ist ungebrochen.
Die Begegnung mit den Kindern im Projekt und den Armen ist für mich immer wieder Motor und Motivation, trotz aller Rückschläge und schwer erkennbarer Fortschritte immer wieder die Ärmel hochzukrempeln und mich neu aufzumachen.
Diese Kinder mit all ihren Problemen, all ihrem Frust, all ihrer Verzweiflung; die von ihren Vätern verlassen und von ihrem Müttern zu Verwandten gegeben werden; die täglich hautnah Gewalt erleben, wenn der betrunkene Stiefvater alles im Haus kurz und klein und dazu noch die Mutter schlägt; die mit ihrer „Familie“ zu neunt in einer 4x6 Meter grossen Hütte (eher ein dunkles, feuchtes, stinkendes Loch!) hausen und die nächtlich Zeuge sind, wenn die Mutter mit diversen Männern schläft; für die sich zu Hause und in der Schule niemand wirklich interessiert, die nur weitere zu stopfende Mäuler sind: Über diese Kinder, diese Geringsten, sagt Jesus Christus: „Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf.“

Wenn das so ist, dann kann ich ihm begegnen in dem Kind, das mich morgens im Centro zur Begrüssung umarmt, und in dem Kind, das mich durch sein Verhalten in der Chorprobe zur Weissglut bringt. Ich muss mich noch so viel in Geduld und Liebe üben.
Auch entgegen aller heruntergeschraubter Erwartungen im Prozess der Vorbereitung auf unseren Einsatz: Ich kann hier etwas bewegen. Wenn ich meine Ideen und Erfahrungen einbringe, wenn ich meine Meinung sage, wenn ich Einspruch erhebe, weil ich eine Entscheidung für falsch halte, wenn ich etwas durchsetze, das ich für richtig halte, wenn ich Liebe und Aufmerksamkeit denen schenke, die sie besonders brauchen,...
Zurück im Alltag
Im Februar, als die Schulferien endeten und der Betrieb im Centro Beneficente wieder seinen Lauf nehmen wollte, gab es einige Schwierigkeiten: Zunächst waren nur wenige Kinder angemeldet worden, so dass der normale Betrieb infrage stand. Dann ergriff Dona Violeta die Initiative, ging in Alemanha auf die Strasse und von Haus zu Haus, besuchte Familien, sprach Eltern an und lud deren Kinder ein, ins Centro zu kommen. Und mit einem Mal kamen täglich Eltern, die ihre Kinder anmelden wollten. Die Zahl stieg von gut 50 auf aktuell über 200 Kinder, die vor- und nachmittags nun unser Projekt frequentieren. Nun ergab sich ein neues Problem; dass nämlich einige Klassen restlos überbelegt waren und ein Arbeiten mit den Kindern unmöglich wurde. Nach einigem Hin und Her mit dem Vorstand wurde schliesslich eine neue Erzieherin eingestellt und die Klassen neu aufgeteilt, so dass es nun zwei Vormittags- und fünf Nachmittagsgruppen gibt.
Wir haben daher viele Neulinge, die erst einmal ihren Platz im Gefüge finden müssen.

Fussball
Seit Anfang März spiele ich einmal in der Woche mit den Jungs aus unserem Projekt Fussball. Als Brasilianer sind sie ganz heiss darauf. Dabei birgt dieser Sport für sie die Möglichkeit in sich, zu lernen, sich an Regeln zu halten, fair miteinander umzugehen und Frustrationen auszuhalten. (Die Frustrationstoleranzgrenze scheint bei einigen unserer Kinder unter Null zu liegen.) Unser Projektgelände bietet leider nicht die Möglichkeit und den Raum zum Fussballspielen. Daher haben wir uns um einen Platz ausserhalb bemüht, auf dem wir unter uns sein können. Uns so kommen jetzt jeden Samstag Morgen zwischen 10 und 20 fussballbegeisterte Jungs auf dem Gelände der „Guarda municipal“ (in etwa „Stadtwache“) zusammen, um auf dem dortigen Fussballfeld ausgiebig zu „pöhlen“.

Geburtstag
Mein erster Geburtstag im Ausland war ein Tag voller Überraschungen:
Frühs wollte ich gerade frühstücken, da sagte Heremil, mein Gastgeber, dass wir in Centro frühstücken und "in Kürze" abfahren würden. Wie das so hier ist, verzögerte sich die Abfahrt und ich sass auf heissen Kohlen, weil ich doch im Centro sein wollte, wenn die Kinder kommen. Irgendwann (zu spät) fuhren wir dann los. Und als wir ankamen, wusste ich auch, warum. Im Saal war eine riesige Tafel mit Essen, Kuchen und Getränken aufgebaut und alle Kinder des Vormittags samt Mitarbeitern waren erwartungsvoll versammelt, sangen mir Lieder, trugen Texte vor und jedes Kind hatte mir eine Karte/Brief/Bild gemalt.

Als die Kinder dann mittags gegangen waren, fuhr ich mit meiner Portugiesischlehrerin Schwester Terezinha und Bruder Zacarias, die mich zum Essen eingeladen hatten, in ein Lokal am Strand.

Irgendwann sass ich dann wieder auf heissen Kohlen, weil ich doch wieder zurück im Centro sein wollte, wenn die Nachmittagskinder kommen. Doch den beiden fiel dann plötzlich ein, dass Terezinha noch gar nicht die Schule kennt, in der Zacarias arbeitet, und so fuhren wir kurzum dorthin und besichtigten ausgiebig die einzelnen Klassen. Das alles war letztlich ein abgekatertes Spiel, denn man wollte mich vom Centro fernhalten, damit die Kinder und Lehrerinnen dort in Ruhe Vorbereitungen treffen konnten.
Als ich dann gegen halb 5 zurück im Centro war, wurde ich in den Saal geführt, wo wiederum alle Kinder versammelt waren, die mir Lieder sangen, einen Tanz und eine Capoeirashow lieferten, die Kinder meines Chores präsentierten mir ein Lied und ich bekam wieder einen Berg von liebevoll gestalteten Briefen und Bildern geschenkt.

Anschliessend hatte ich Probe mit meinem Kinderchor und als ich die Kinder nach Hause entliess und auf den Hof hinaustrat, war dort Grill und Essen aufgebaut und alle Lehrerinnen, Mitarbeiter und weitere Freunde waren versammelt und empfingen mich. Das war dann die letzte Überraschung an diesem Tag, der einfach nur genial war.
Ostern
Die Osterfeierlichkeiten in der Kirche sind hier in Brasilien ganz ähnlich denen in Deutschland. Ich habe an den Gottesdiensten und Feiern in unserer Pfarrei teilgenommen, wo am Karfreitag wie in vielen anderen Gemeinden in São Luís ein Passionsspiel von Jugendlichen stattfand. An verschiedenen Stellen auf dem Pfarrhof und drumherum wurden die einzelnen Abschnitte der Leidensgeschichte Jesu gezeigt. Als Zuschauer musste man daher ständig den Standort wechseln, und so zogen wir, die Zuschauer, auch mit dem geschundenen Verurteilten, den prügelnden Soldaten und dem pöbelnden Volk bis zur Kreuzigungsstätte. Da kam in mir die Frage auf: Wo hätte ich, wo hätten wir, die Zuschauer, damals unseren Platz gehabt? Wären wir auch neugierig gaffend hinterhergezogen, wie wir es hier gemacht haben (bewaffnet mit Kamera und Fotoapperat)? Übung genug darin haben wir Fernseh-gewohnten ja.
Am Ostersonntag feierte ich die Messe in der kleinen Gemeinde São Francisco in Alemanha mit und noch nie hab ich eine Gemeinde mit solcher Freude und Begeisterung das Halleluja singen hören.
Über die hiesigen Osterbräuche kann ich nicht viel sagen, da in meiner Gastfamilie quasi kein gemeinsames Fest stattfand. (Heremil war mal wieder auf sein Landhaus gefahren.) Man schenkt sich jedoch gegenseitig grosse Schokoladeneier, die mit einer kleinen süssen oder sonstigen Überraschung gefüllt sind.
Zwei Episoden aus dem Alltag
Nummer 1. Ich kenne Erika von den Treffen einer Gruppe der Pfarrei „Nossa Senhora da Glória“ in Alemanha. Sie ist 23 Jahre alt und Studentin. Nachdem ihre Mutter vor Jahren gestorben war, wuchs sie bei ihrer Tante in São Luís auf. Sie hat 3 jüngere Geschwister, die jedoch bei einer anderen Tante in der Hauptstadt Brasília aufgewachsen sind. Erika kannte sie nicht. Sie hatte sie bisher nur einmal früher, als sie noch in der Wiege lagen, gesehen. Seitdem nicht mehr. Brasília ist weit. Und eine Reise teuer.
Nun ist die Tante in Brasília auch gestorben. Erika fliegt hin. Und kommt mit Begleitung zurück. Sie hat die beiden jüngsten Geschwister (10 und 7 Jahre alt) mitgebracht. Sie hat die Verantwortung, die Sorge für sie übenommen. Sie ist jetzt für sie grosse Schwester und Mutter gleichzeitig. Vom Staat gibt´s keine Hilfe (Kindergeld o.ä.). Die beiden bekommen nur etwas von der kleinen Rente der verstorbenen Tante. Erika sorgt für die Einschulung hier, zeigt ihnen (zum ersten Mal) das Meer, muss ein Haus, eine neue Wohnung mieten. Und sie meldet die beiden Kinder bei uns im Centro an. Montag sollen sie zum ersten Mal kommen.
Nummer 2. Vormittags im Centro: Ich helfe Sidney bei den Hausaufgaben. Geographie. Thema ist der Unterschied zwischen armen und reichen Vierteln in der Stadt. Frage im Schulbuch: „Kennst du Gegenden in deiner Stadt, in der Menschen unter schwierigen Umständen wohnen?“ Kennt er. Unter der Brücke (über die ich jeden Tag zur Arbeit fahre). Sidney selbst (10 Jahre) ist zweitältestes von 6 Kindern seiner 25jährigen Mutter. Sie wohnen in einer kleinen einfachen Palafita aus Brettern im Flusssumpf, zu der nur ein klappriger Holzsteg führt. In diesem Moment ist es nicht die Scham über seine eigene Lebenssituation. Er meint es ehrlich und aus offenem Herzen: Die Menschen dort unter der Brücke, die sind arm. Er selbst ist es nicht – in seinen Augen.

Zum Abschluss
Mir geht es sehr gut und ich bin immer noch gern hier. Am Dienstag kommen mich meine Eltern besuchen und bleiben 20 Tage. Ich freu mich schon sehr darauf, sie nach so langer Zeit wiederzusehen, und auch, weil ich dann endlich einmal Menschen aus meiner Heimat mein Leben hier zeigen kann.
stelabrasil - 7. Apr, 00:39
Bertram - 6. Mai, 11:00
Uder
Hallo Stefan liebe Grüße aus Uder von den 4 Schäfers. Probiere es mal auf diesem Weg mal mich zu melden. Mit viel Interesse lesen wir Deine Berichte und schauen Deine Seite an. Wir wünschen Dir viel Erfolg und weiterhin viel Spaß Bis später und meld Dich mal.

na das ist doch einen fetten Glückwunsch wert - nicht nur zum (längst) gewesenen Geburtstag, sondern auch zum "Bergfest" - und natürlich die besten Grüße von der anderen Seite vom Teich: aus Thüringen.
Ciao
Tobias